Dortmund ist stets für ein Drama gut. In Marseille rettet Großkreutz den Einzug ins Champions-League-Achtelfinale. Der Glaube daran war nicht mehr groß. Klopp platzt vor Stolz auf seine Spieler
Kevin Großkreutz war wie entfesselt. Als er sah, dass der Ball tatsächlich im Netz zappelte, rannte er im Vollsprint in die Kurve. Er sprang über eine Werbebande und stoppte erst, als er vor dem Block stand, in dem die 2500 Fans von Borussia Dortmund ekstatisch umhersprangen. Großkreutz schrie seine Freude heraus und bekam dafür ein tausendfaches Echo von den Menschen, mit denen er sich auf so besondere Weise verbunden fühlt.
"Als ich in die Gesichter geschaut habe und diese Emotionen gesehen habe, diese Erleichterung gespürt habe – da freut man sich umso mehr", sagte der Mittelfeldspieler, der gerade zuvor den BVB vor dem Aus in der Champions League gerettet hatte. "Ein geniales Gefühl" habe Großkreutz nach seinem erlösenden Treffer in der 87. Minute gespürt. Und das ließ wohl auch nicht von ihm ab, als er sich – Stunden nach dem 2:1 (1:1)-Sieg bei Olympique Marseille – die von Jürgen Klopp genehmigten "ein bis zwei Bierchen zur Happy Hour" im Mannschaftshotel gönnte.
Pure Emotionen hatten sich zuvor nach dem Schlusspfiff im Stade de Velodrome Bahn gebrochen. Klopp rannte aufs Spielfeld, umarmte jeden Spieler, der seinen Weg kreuzte. Dem 18-jährigen Innenverteidiger Marian Sarr, der wegen des fortgesetzten Verletzungspechs der Dortmunder ausgerechnet im letzten und entscheidenden Vorrundenspiel debütieren musste, versetzte er vor Freude sogar eine Ohrfeige. "Das fühlt sich super gut an, einfach geil. Das war ein nervenaufreibendes Spiel", sagte der Coach, der während der 90 Minuten mit seinem Team gelitten und gebibbert hatte: "Ich war gedanklich zwar nicht so weit, dass ich nicht mehr daran geglaubt habe. Aber wer so viele Chancen auslässt, ist auch schon mal härter bestraft worden."
Weidenfellers Patzer
Danach hatte es lange Zeit ausgesehen. Trotz eines Blitzstarts mit dem frühen Führungstreffer durch Robert Lewandowski (4. Minute) taten sich die Dortmunder schwer. Der Druck, gewinnen zu müssen, um nicht vom Ergebnis des Parallelspiels zwischen dem SSC Neapel und Arsenal London abhängig zu sein, war der Mannschaft stets anzumerken. Die Folgen waren Unkonzentriertheiten wie jene von Roman Weidenfeller: Der Keeper war in der 14. Minute nach einer Freistoßflanke aus seinem Tor gestürmt, verfehlte jedoch den Ball und begünstigte so den Treffer zum 1:1-Ausgleich durch Souleymane Diawara.
"Wir haben gesehen, dass die Nerven angespannt waren. Das hat lockeren Genussfußball nicht zugelassen", sagte Klopp, der mitansehen musste, dass seine Mannschaft auch nach der Gelb-Roten Karte gegen Olympique-Kapitän Dimitri Payet (34.) wegen einer Schwalbe nicht entscheidend an Sicherheit dazugewann. Im Gegenteil: Nun schien das Drama seinen Lauf nehmen.
Gegen die sich nun vollends an den eigenen Strafraum zurückziehenden Franzosen entwickelte sich ein einseitiges Spiel. In der zweiten Halbzeit versuchten die Dortmunder alles, um das erlösende zweite Tor zu erzielen, schienen dabei jedoch an der eigenen Nervenschwäche zu scheitern. "Wir haben eigentlich alles richtig gemacht, um dann am Ende ganz oft alles falsch zu machen. Nämlich den Ball nicht reinzuschießen", so Klopp.
Fünf vergebene Großchancen
Immer wieder kurbelten die Dortmunder Angriffe an, spielten gegen die massive Deckung den Ball von einer Seite auf die andere, versuchten sich bis zur Grundlinie durchzukämpfen, um den Ball hinter der Abwehr vor das Tor zu passen – eine Sisyphusarbeit, denn entweder war der letzte Pass in die Spitze zu ungenau, oder die Torchance wurde vergeben. Allein in der zweiten Halbzeit wurden fünf klare Tormöglichkeiten ausgelassen – Klopp an der Seitenlinie und BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke auf der Ehrentribüne drohten zu verzweifeln.
Als dann durchsickerte, dass Neapel gegen Arsenal führt und dem BVB wohl die Zurückversetzung in die Europa League droht, kam Angst auf. "Zur Auslosung der nächsten Runde der Europa League wäre ich nicht geflogen. Das hätte ich nicht hinbekommen", sagte Watzke, der einräumte, vor dem rettenden Tor von Großkreutz nicht mehr an das Achtelfinale in der Königsklasse geglaubt zu haben. Er schloss sich zwar nicht wie in der dramatischen Schlussphase des Halbfinales gegen Real Madrid im Vorjahr auf einer Stadiontoilette ein ("Das mache erst ab Halbfinale") – bereitete sich aber schon gedanklich darauf vor, welche Auswirkungen das Ausscheiden aus der Champions League zur Folge gehabt hätte.
Es wäre in erster Linie ein weiterer psychologischer Tiefschlag gewesen. "Viele haben uns am Scheideweg gesehen oder vor einem Börsencrash", sagte Watzke. Entsprechend groß war die Genugtuung, es doch geschafft zu haben. "Es ist nicht leicht, in solch einer Situation ruhig zu bleiben. Aber die Mannschaft hat sich zur Ruhe gezwungen und ist durch ein erwürgtes Tor weiterkommen", erklärte Klopp und lobte seine Spieler für ihre mentale Stärke. Psychologischen Stehaufmännchen gleich, hätten sich die Profis nach jeder vergebenen Chance aufgerappelt: "Wir sind so lange drangeblieben, bis das Ding endlich drin war."

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